In mehreren Wohnanlagen im Norden Frankfurts sollen rund 100 Bewohner ihre Wohnungen verlassen, weil Gebäude an das Fernwärmenetz angeschlossen und bauliche Mängel beseitigt werden sollen. Das teilte die städtische Wohnungsbaugesellschaft ABG über ihren Geschäftsführer Frank Junker mit. In einer Ortsbeiratssitzung erklärte Junker, solche Auszüge während Sanierungsarbeiten kämen häufiger vor.
Eine der betroffenen Bewohnerinnen ist Sabine Hergenröder. Ihre Wohnung wurde bereits vor drei Jahren modernisiert. Nun ist eine weitere Grundsanierung vorgesehen. Die ABG begründet die Maßnahmen mit technischen Anforderungen des Anschlusses an das Fernwärmenetz sowie weiteren Bauarbeiten.
Finanzielle Folgen für Rückkehrwillige
Die ABG gehört fast vollständig der Stadt Frankfurt, arbeitet wirtschaftlich jedoch selbstständig. Nach Unternehmensangaben erwirtschaftete die Gesellschaft 2024 einen Überschuss von 95,8 Millionen Euro. Die Wohnungen gelten im Frankfurter Marktumfeld als vergleichsweise günstig.
Laut Junker müssen Mieter, die nach den Sanierungen zurückkehren möchten, mit höheren Mieten rechnen. Er nannte dafür einen möglichen Anstieg um fünf bis sechs Euro pro Quadratmeter, sofern Wohnungen entsprechend „optimiert“ würden. Konkrete Zahlen legte er nicht vor.
Einordnung im Mietspiegel und Wohnungsmarkt
Der aktuelle Mietspiegel für Frankfurt am Main zeigt, dass der durchschnittliche Mietpreis für Wohnungen je nach Größe und Ausstattung 2025 bei durchschnittlich etwa 16,51 €/m² liegt. Auf Grundlage solcher Mietspiegel lassen sich ortsübliche Vergleichsmieten ermitteln, was sowohl für Mietinteressenten als auch für Vermieter Orientierung bietet.
Wer ihre Wohnung nach der Sanierung zurückmieten will, sollte diese Mietspiegelwerte zum Vergleich heranziehen.
Veränderungen auf dem Wohnungsmarkt
Der Wohnungsforscher Sebastian Schipper von der Goethe-Universität Frankfurt beobachtet seit Jahren Verdrängungsprozesse auf angespannten Immobilienmärkten. Er führt diese Entwicklung auf Kapitalzuflüsse in Bestandsimmobilien nach der Finanzkrise 2007/2008 zurück. Laut Schipper seien dadurch Modernisierungen und Aufwertungen häufiger geworden, was zu steigenden Mieten geführt habe.
Der Forscher nennt Beispiele aus Frankfurt und anderen Regionen. Besonders betroffen seien Gebiete mit hoher Nachfrage und guter Verkehrsanbindung. Der Deutscher Mieterbund verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass viele Mieter Sorgen über mögliche Wohnungsverluste äußern.
Veränderungen in bestehenden Siedlungen
Schipper verweist auf das Frankfurter Gallusviertel, wo der private Wohnungsanbieter Vonovia Modernisierungen wie den Bau von Balkonen, Aufzügen und zusätzlichen Wohnungen vorgenommen habe. Nach seinen Angaben stiegen dort die Mieten teilweise um 150 bis 200 Euro, da Modernisierungskosten zu einem bestimmten Anteil dauerhaft auf Mieten umgelegt werden können. In der Folge seien viele langjährige Bewohner weggezogen.
Auch in anderen Städten werden ähnliche Entwicklungen beobachtet. Laut dem Mietspiegel-Übersichtsportal liegt die durchschnittliche Angebotsmiete für Bestandswohnungen deutschlandweit bei rund 11,60 €/m²; bei Neubauten sind es rund 13,80 €/m².
Einzelne Fälle von Rechtsstreitigkeiten
Einige Mieter versuchen, gegen Räumungen vorzugehen. Der 78-jährige Udo Fleck aus Frankfurt berichtete, er habe eine Räumungsklage gegen einen luxemburgischen Investor gewonnen. Er lebt seit 16 Jahren in seiner Wohnung in der Nähe des Hauptbahnhofs. Nach seinen Angaben wohnen in dem Gebäude, das ursprünglich rund 60 Mietparteien beherbergte, nur noch zwölf Menschen.
Fleck schilderte, dass er sich eine andere Wohnung mit seiner Rente nicht leisten könne. Er zahlt 560 Euro Miete für 33 Quadratmeter. Seine Aussage, er denke ständig über eine mögliche nächste Räumung nach, ordnete er als persönliche Belastung ein.
Reaktionen in der Nachbarschaft
In mehreren Stadtteilen haben sich Mieterinitiativen gebildet. Diese bieten nach Angaben der Gruppen juristische Beratung und gegenseitige Unterstützung an. Die Initiativen richten sich vor allem gegen sogenannte Entmietungsverfahren im Zuge von Sanierungen.
Die ABG und andere Wohnungsunternehmen führen an, dass umfangreiche Arbeiten zur technischen Erneuerung regelmäßig notwendig seien, insbesondere beim Ausbau von Wärmeinfrastrukturen oder bei strukturellen Mängeln älterer Gebäude.